Warum ist Demokratie das Fundament von NOMOS Glashütte, Judith Borowski?
Shownotes
Ein Jahr nach dem Mauerfall, 1990, wird NOMOS Glashütte im gleichnamigen Ort in Sachsen gegründet. Ohne Demokratie (und die Leidenschaft für Präzisionsuhren) gäbe es das Unternehmen also gar nicht, erzählt Gesellschafterin Judith Borowski. In dieser Folge von „Democracy@Work“ erklärt sie, wie NOMOS sein demokratisches Fundament seither wahrt und weiterentwickelt.
Zum Beispiel: Indem NOMOS Teil des Business Council for Democracy, kurz BC4D, ist. Neben dem Netzwerk für Unternehmen, die sich für Demokratie einsetzen, stehen beim BC4D vor allem die Schulungen für Mitarbeitende im Fokus. Wie sie aufgebaut sind, welche Inhalte behandelt werden und wie Arbeitnehmerinnen und -nehmer profitieren, erklären zwei BC4D-Trainerinnen, Sarah Shiferaw und Hanna Börgmann, vom Institute for Strategic Dialogue.
Der Podcast Democracy@Work entstand im Rahmen des Projekts Business Council for Democracy (#BC4D). Der BC4D ist ein Netzwerk von Arbeitgebern, das sich für Demokratie am Arbeitsplatz einsetzt. Dazu gehören unter anderem Schulungen zur Ausbreitung von Hassrede, Desinformation und Verschwörungserzählungen. Der BC4D ist ein Gemeinschaftsprojekt der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und des Institute for Strategic Dialogue.
Dieser Podcast wird produziert vom Studio ZX, ein Unternehmen des ZEIT Verlags.
Weitere Informationen gibt es außerdem hier:
- Studie von „Reset / pollytix“ zur Verbreitung von Desinformation.
- Umfrage von Forsa zur Wahrnehmung von Hate Speech (2021).
- Befragung von "das NETTZ" (Lauter Hass - leiser Rückzug) zur Hate Speech (2023).
- Mehr Infos zum BC4D und den Schulungen gibt es außerdem hier.
- Das ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.
- Und das ist das Studio ZX.
Redaktion: Anna-Lena Limpert, Sophia Becker, Elisabeth Niejahr, Mona Mann
Moderation: Sophia Becker, Elisabeth Niejahr, Jonas Ross
Projektmanagement: Mona Mann, Theresa Birreck
Sound-Design und Aufnahmeleitung: Jonas Ross
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00:00:00: Democracy at work. Wie kann Engagement für Demokratie in Unternehmen gelingen? Ein Podcast des Business Council for Democracy, kurz BCVD. Die gemeinnützige Hertie Stiftung hat mit zwei Partnern der Robert Bosch Stiftung und dem Institute for Strategic Dialogue den BCVD als Netzwerk geschaffen, das Arbeitgeber mit einem Zweck zusammenbringt Demokratie stärken. In diesem Podcast zeigen wir, wie Unternehmen das ganz praktisch umsetzen.
00:00:33: Südlich von Dresden in Sachsen liegt ein kleines Dorf namens Glashütte. Glashütte hat nicht einmal 7000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist trotzdem weltweit bekannt. Denn seit vielen Jahrzehnten ist es das Zentrum für deutsche uhrmacher Kunst. Glashütte ist heute nicht nur der Name des Ortes, sondern ein offiziell anerkanntes Gütesiegel für hochwertige uhren. Wer sich Glashütte nennt, muss auch nach Glashütte Qualitätsstandards ticken.
00:01:14: Und das ist bei den uhren von Nomos Glashütte mit Sicherheit so. Nomos ist 1/9 Glashütte uhren Manufakturen. Das Unternehmen wurde 1990 gegründet, also ein Jahr nach dem Mauerfall, aber noch zu DDR Zeiten. Und neben der Leidenschaft für Präzisionsuhren spielt bei dieser Gründung noch etwas ganz anderes eine wichtige Rolle. Wir waren uns von Anfang an bewusst, dass es Nomos ohne die Demokratie nicht geben würde.
00:01:45: Das ist Judith Borowski. Sie war bis letztes Jahr Teil der Geschäftsführung bei Nomos. Heute ist sie Gesellschafterin. Ja, dafür waren wir immer sehr dankbar und hatten auch immer den Wunsch und auch den Eindruck oder die Verpflichtung gespürt, dass wir uns eben umgekehrt eben auch für die Demokratie engagieren müssen in unserem Rahmen. Ohne Demokratie gäbe es das uhrenunternehmen also gar nicht, erklärt Borowski. Warum das so ist und wie dieser Grundstein Demokratie bei Nomos immer noch den Takt angibt, das wollen wir im Interview dieser Folge genauer herausfinden.
00:02:27: Ich bin Jonas Roos, und das ist Democracy at Work.
00:02:35: Aber ein Teil des Demokratieengagements von Nomos nehmen wir schon mal ganz frech vorweg. Denn Nomos ist Teil des Big for the Netzwerks und Judith Borowski Mitglied des Boards. Und wie Unternehmen und deren Mitarbeitende vom BCVD profitieren. Das können unsere beiden Expertinnen am besten erklären. In unserer Rubrik Science at Work
00:03:01: at Work.
00:03:07: Die Hertie Stiftung hat mit der Robert Bosch Stiftung und dem Institute for Strategic Dialogue Kurz ist, den Weg für die 2020 ins Leben gerufen. Der BCVD ist einerseits ein Netzwerk für Unternehmen, die sich für Demokratie einsetzen, und gleichzeitig sind die Schulungen für Mitarbeitende eine wichtige Säule des BCForDs. Unsere Grundannahme beim BCVD ist eigentlich, dass politische Bildung und Kompetenzentwicklung von Arbeitnehmenden eine ganz entscheidende Rolle für eine nachhaltige und ethische Unternehmenskultur spielen.
00:03:45: Das sagt Hanna Bergmann. Sie arbeitet beim ASD und ist Trainerin beim BCVD, führt also die Schulungen durch. Das macht sie zusammen mit ihrer Kollegin Sarah Schiffer auf. Und die erklärt. Die Schulungen finden alle digital statt unter dem ganz großen Schirm. Demokratie? Stärkung der Demokratie im Kontext dieser digitalen Bedrohungen, die wir so im Netz beobachten können. Dann treffen wir uns einmal die Woche eine Stunde lang und sprechen da über Hassrede, Verschwörungserzählungen und Desinformation.
00:04:21: Hassrede, Verschwörungserzählungen und Desinformation. Das sind also die drei Fokusthemen der Schulungen. Die Schulungen finden in einem Zeitraum von 8 bis 10 Wochen insgesamt acht Mal statt und sie dauern jedes Mal eine gute Mittagspause lang, also ungefähr 60 Minuten. Die Kurse sind ganz interaktive Kurse, das heißt, es gibt eine Input. Es gibt so ganz die theoretische Seite, die gemeinsam besprochen wird. Das ist also der theoretische Bevor es praktisch wird, erklärt Kieferau.
00:04:56: Dann arbeiten wir am allerliebsten natürlich an Beispielen, die die Teilnehmenden selbst mitbringen, wie zum Beispiel im Betrieb Wurde XY behauptet? Wie kann ich da argumentieren? Wo finde ich praktische Quellen, die ich nutzen kann, um zu argumentieren? Es gibt viele Gruppendiskussionen, es gibt Gruppenarbeit. Wir nutzen aber auch zu mittlerweile künstliche Intelligenz, um mit den Teilnehmenden zusammen zu gucken, Wie kann ich Inhalte überprüfen, wo kann ich mir Informationen herholen.
00:05:31: Oder so, fasst das Hannah Bergmann ganz kurz zusammen. Der Ansatz ist, die Menschen mit Kenntnissen und Kompetenzen auszustatten. Und weil sich die Themenfelder rasant weiterentwickeln, überarbeiten die Trainerinnen die Schulungen laufend und suchen neue aktuelle Beispiele raus. Aber die Grundidee bleibt gleich. Also wie so eine Art Werkzeugkasten kann man sich das vorstellen, der dann eben genutzt werden kann und den Menschen einfach mehr Sicherheit geben soll, sich auch aktiv einzubringen. Digital in die Debatte.
00:06:03: Und das Schulungsangebot wird von Unternehmen und deren Mitarbeitenden gern angenommen, erklärt Kieferau. Denn sie beobachtet, dass die Mitarbeitenden der Unternehmen häufig verunsichert sind. Und da können wir schon beobachten Es gibt eine große Verunsicherung, gerade nach den CorrectivRecherchen, und haben viele Angst gehabt von den Mitarbeitenden der Unternehmen, die wir da geschult haben. Und es zieht sich auch bis jetzt, dass man verunsichert ist, weil Menschen von Rassismus betroffen sind und das jetzt noch mal anders spüren, da noch mal andere Ängste hochkommen, von Antisemitismus betroffen sind und da noch mal verunsichert sind.
00:06:40: Viele Teilnehmerinnen seien auch von Desinformationen und Verschwörungsserzählungen verunsichert. Zum Beispiel zum Thema Migration oder der jüngsten Bundestagswahl. Und das, was Schiffer schildert, spiegelt sich auch in offiziellen Zahlen wider. Achtung, hier kommen ein paar. Eine Studie von Reset Politics zeigt zum Beispiel, dass Desinformation schon fast allen Menschen mal begegnet sind, die im Internet unterwegs sind. 9/10 Leuten nämlich. Und die Verunsicherung hat vielleicht noch einen anderen Grund.
00:07:14: 3/4 der Internet nutzerinnen und nutzer aus Deutschland nehmen verstärkt Hatespeech wahr. Das zeigt eine Umfrage von Forsa von 2021. Und fast jede zweite Person wurde im Internet sogar schon einmal beleidigt. Das zeigt die Studie von Das Netz von 2023. Hannah Bergmann spürt das auch. Also wir beobachten einen konstanten Anstieg von Online Hass, Desinformation und Verschwörungserzählungen im Netz.
00:07:47: Ich glaube, was auch einfach eine wichtige Entwicklung ist, ist, dass wir ganz konkret beobachten, dass diese Erzählungen menschenfeindliche Erzählungen, Extremismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einfach immer breiter auch Anklang finden und breiter normalisiert werden in der Bevölkerung. Und all das führt dazu, dass sich Menschen aus dem digitalen und demokratischen Diskurs zurückziehen. Und genau dem will der BCVD entgegenwirken. Das übergeordnete Ziel ist, eine Resilienz im Umgang mit digitalen Bedrohungen zu fördern und auch digitale Bürgerkultur zu stärken, das heißt sich auch einzumischen.
00:08:29: Es geht also darum, Mitarbeitende zu befähigen, Hassrede, Verschwörung oder Fake News etwas entgegenzusetzen und nicht zu schweigen. Letztlich geht es darum, eben eine positive, konstruktive Debattenkultur zu stärken. Natürlich sind in einer Demokratie Meinungsunterschiede und auch kontroverse Debatten wichtig. Wir können nicht alle einer Meinung sein, aber es geht uns darum, diese Debatten konstruktiv und empathisch zu führen und das zu stärken.
00:09:01: Dass Menschen sich auf den Onlineplattformen insbesondere wo das eben schwieriger geworden ist, wo der Ton sehr rau ist, sehr negativ, sehr polarisiert. Und das, da die Menschen eben sachlich auf Augenhöhe aushandeln können, was richtige politische Lösungen beispielsweise für gesellschaftliche Probleme sind.
00:09:25: Nach den acht Wochen Schulung ist deswegen nicht unbedingt Schluss. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können dann an Intensivschulung teilnehmen, nämlich die zur oder zum Beauftragten für digitale Debattenkultur und Demokratie. Die Trainings dauern vier Tage und sollen verstetigen, was die Mitarbeitenden vorher gelernt haben und ihnen helfen, ihr Wissen dann weiter ins Unternehmen zu tragen. Und der Bedarf ist groß, sagt Schiffer. Es gibt einen großen Bedarf von Mitarbeitenden, sich da noch mal ausbilden zu lassen, um resilient zu sein, um anders vorgehen zu können oder eben ihren Kolleginnen zu sagen Ihr müsst euch noch mal anders positionieren, um auch mich zu schützen in diesen auch sehr aufgeheizten, polarisierten Zeiten.
00:10:13: Und dann natürlich auch die gesellschaftliche Verantwortung. Man sieht ja, dass Unternehmen auch Teil demokratischer Prozesse sind und daher sehen wir auch da die Verantwortung von Unternehmen.
00:10:28: Und genau diese Verantwortung sieht auch Nomos Glashütte bei sich. Unter anderem sie. Judith Borowski, die wir gleich im Interview hören.
00:10:43: Judith Borowski war von 2001 bis 2024 CO Geschäftsführerin und Gesellschafterin der uhrenmanufaktur Nomos Glashütte. Ende letzten Jahres gab Borowski ihren Ausstieg aus der Geschäftsführung bekannt. Gesellschafterin ist sie nach wie vor. Von 2001 bis 2019 war Borowski außerdem Geschäftsführerin und kreative Leitung der firmeneigenen Agentur Berliner Blau. Zuvor war sie als Journalistin tätig, unter anderem für ARD aktuell und die Financial Times Deutschland.
00:11:18: Für ihre Arbeit und ihr Engagement wurde Judith Borowski mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2024 mit dem Bundesverdienstkreuz.
00:11:31: Und mit Judith Borowski spricht jetzt Sophia Becker. Sie leitet innerhalb der Hertie Stiftung den PC für die. Und heute fehlt eine vertraute Stimme. Denn Elisabeth Nier Neher,, Geschäftsführerin der Hertie Stiftung, kann diesmal leider nicht dabei sein. Sie freut sich aber schon darauf, in Folge sechs wieder hier vors Mikro zu kommen. Sie hören Democracy at Work. Mein Name ist Jonas Ross und ich gebe ab an Sophia Becker und an Judith Borowski.
00:12:05: Hallo, Schönen guten Tag. Mein Name ist Sophia Becker und ich freue mich, dass ich heute mit Judith Borowski sprechen darf. Sie ist Gesellschafterin bei Nomos Glashütte und wir arbeiten beim BSI, die schon sehr, sehr lange mit ihr zusammen. Herzlich willkommen, liebe Judith. Schön, dass du da bist. Hallo Sophia. Ich freue mich sehr. Judith Wir starten bei unserem BCVD Podcast immer mit einer Rubrik, die heißt Choice at Work. Du bekommst von mir jetzt immer zwei Antwortmöglichkeiten und du entscheidest ganz spontan, was du besser findest.
00:12:41: Schulz at work.
00:12:47: Ich lege mal los. Neutral oder parteiisch. Parteiisch. Laut oder leise? Laut. Kompromiss oder Prinzipienkompromiss? Demo oder Emailemail? Optimistisch oder pessimistisch? Optimistisch Reden oder fragen? Fragen. Pflicht oder Freiwilligkeit? Freiwilligkeit. Lokal oder global? Global.
00:13:18: Langsam oder schnell? Schnell. Risiko oder Sicherheit? Risiko.
00:13:26: Sehr gut. Danke dir, Judith.
00:13:31: So, damit legen wir mal mit den richtigen Fragen los. Judith wurde ja im Jahr 1990 gegründet. also ein Jahr nach dem Mauerfall. Und du hast schon häufiger gesagt, dass die Demokratie Voraussetzung für die Gründung des Unternehmens war. Wie hat das dein Bewusstsein und die des Unternehmens von Beginn an geprägt? Na ja, wir. Waren uns von Anfang an bewusst, dass es Nomos ohne die Demokratie nicht geben würde.
00:14:05: Also die Demokratie, die ja in Sachsen beginnend in Leipzig damals erkämpft wurde und die dann auch die DDR hinweggefegt hat, die war Gründungsvoraussetzung für Nomos Glashütte. Und ja, dafür waren wir immer sehr dankbar und hatten auch immer den Wunsch und auch den Eindruck oder die Verpflichtung gespürt, dass wir uns eben umgekehrt eben auch für die Demokratie engagieren müssen in unserem Rahmen. Natürlich sind wir zuerst uhrenhersteller, Das heißt also, wir müssen auch immer erst mal unsere Arbeit tun und müssen dafür sorgen, dass alles funktioniert.
00:14:42: Aber die Demokratie zu stützen, die eben umgekehrt auch uns so viel ermöglicht hat. Das kam dann gleich danach. Also das war für uns immer besonders wichtig und ich glaube, das hat man immer so ein bisschen auch angemerkt. Wir haben jedenfalls versucht, die Demokratie auch einzuflechten, wo immer wir konnten. Das heißt, in flachen Hierarchien, sei es in einer offenen, freundlichen Architektur, sei es aber auch zum Beispiel im Design unserer uhren, was eben angelehnt an das Bauhaus und den Deutschen Werkbund, auch eine Demokratie Gedanken in sich trägt.
00:15:25: Nämlich dieser Wunsch, dass gute Dinge für viele Menschen erschwinglich sind und nicht. Ja, wir wollten nie uhren bauen, die ostentativ Zeigen, was jemand im Portemonnaie hat oder eben auch nicht, Sondern wir wollten gute uhren bauen, die das Leben der Menschen begleiten, die als Instrumente auch für viele erschwinglich sein sollten. Und
00:15:54: ja, und so hat halt die Demokratie auch unser Unternehmen geprägt. Es gab auch nie zum Beispiel eine Hierarchie Unterschied zwischen einem Gestalter und einem Ingenieur und einem uhrmacher. Also dieses Bewusstsein, dass es zum Bauen von guten Armbanduhren immer ganz viele Menschen braucht und dass es nicht für einen alleine möglich sei. Jedenfalls nicht für uhren, die so wie wir sie bauen.
00:16:23: Das ist sicherlich auch etwas, was Nomos geprägt hat. Und hast du den Eindruck, dass sich das Engagement über die Jahre verändert hat? Du sagst, ihr habt das schon von Anfang an hochgehalten. Diese Werte aber gab es in den 90er Jahren. Andere Bedingungen, andere Auswirkungen, wie sich das dann in die Kultur übersetzt hat? Oder war es relativ konstant? Naja, in den 90er Jahren ging es natürlich erst mal darum, etwas aufzubauen, was gar nicht so einfach war, weil die Infrastruktur noch die der DDR war und erst mal da mühsam Neues entstehen musste.
00:17:02: Aber es gab damals eben auch eine große Freude über die deutsche Vereinigung und über die neue Freiheit, die da erhoben wurde. Und ja, ich hatte gedacht, das geht immer so weiter und irgendwann merken wir die Unterschiede nicht mehr zwischen Ost und West seit einigen Jahren. Für mich glaube ich seit 2015. Genauer habe ich jedoch den Eindruck, die Reise geht so ein bisschen rückwärts und es gibt wieder mehr Identifikation mit dem Osten.
00:17:35: Es gibt wieder mehr, ja mehr Gräben zwischen Ost und West. Und es ist ein bisschen mühsamer. Die Freude an der Demokratie hochzuhalten.
00:17:47: Aber ihr setzt euch ja sehr, sehr stark dafür ein und habt auch viel Beachtung bekommen, gerade in den letzten Jahren für euer Engagement, also zahlreiche Medienberichte gab es über euch Porträts und ihr habt auch das Bundesverdienstkreuz des Bundespräsidenten bekommen. Wie unterscheidet sich Nomos da von anderen Unternehmen? Was macht ihr richtig, was andere vielleicht noch nicht so richtig machen? Oder was könnten sich andere Unternehmen von euch abschauen? Ich weiß immer gar nicht, ob wir wirklich so viel machen.
00:18:23: Ich habe den Eindruck, wir sitzen in Glashütte ein bisschen in der Zeitmaschine. Also wir bauen da uhren. Aber wir sitzen auch in der Zeitmaschine, insofern, als dass. die Entwicklungen, die wir im Moment sehen, die politische Entwicklung, die hat in Ostdeutschland zumindest im ländlichen Raum Ostdeutschlands, einfach früher eingesetzt als anderswo. Das heißt, wir waren früher konfrontiert mit der Frage Was machen wir in einer ja recht werdenden Umwelt, in einer Welt, in der Pegida und AfD den Ton angeben.
00:18:55: Und vielleicht hätten wir als Unternehmen in Hamburg beispielsweise oder in Köln gar nicht für Aufmerksamkeit gesorgt. Da wäre vielleicht relativ normal gewesen, was wir machen und gemacht haben. So waren wir in dieser Region einfach lange Zeit die einzigen und damit eben auch auffälliger. Also wir haben natürlich immer versucht, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wir haben mit Medien gesprochen, wir haben unsere Meinung artikuliert und wir haben auch Position bezogen, konkret gegen die AfD.
00:19:30: etwas, was ja zumindest lange Zeit sehr kontrovers diskutiert wurde. Wir haben immer versucht, viel mit unseren Mitarbeitenden zu sprechen, vor allem zuzuhören, hinzuhören, auch Sachprobleme zu lösen und damit dann auch ein bisschen mehr für Zufriedenheit zu sorgen. Wir haben.
00:19:55: Versucht, auch Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Und im Unternehmen dann eben auch. Ja, also mit guter Arbeit einfach auch für Sicherheit und auch Heimat zu sorgen. Und last not least war es für uns in der Geschäftsführung immer wichtig. Auch, dass wir Rückgrat zeigen und vorleben, was wir da denken. Das heißt eben auch, wenn es mal ein bisschen schwierig wird, intern oder extern eben auch ja, vorleben und Haltung zeigen.
00:20:27: Wenn,
00:20:29: Ja, wenn die. Wenn nicht nur eitel Sonnenschein herrscht. All diese Dinge waren für uns immer wichtig und darüber hinaus natürlich auch zu erklären, dass Weltoffenheit und vielfach Vielfalt für uns ganz
00:20:44: elementar sind. Auch und gerade im Verkauf. Denn unsere uhren, die verkaufen wir leider weniger an Sachsen in Sachsen, sondern wir verkaufen unsere uhren an Menschen in aller Welt. Und für die ist es auch ganz wichtig zu wissen, dass wir auch in Sachsen eben für andere Werte eintreten und dass wir eben, ich sage mal, weltoffen ticken. Kommen da die Kunden tatsächlich auch auf euch zu und fragen das dezidiert nach? Also das gab es immer wieder mal, beispielsweise nach Chemnitz 2018,
00:21:19: dass da Mails und Briefe ankamen von Kundinnen und Kunden, die wissen wollten, wie das bei Nomos ist, wer die uhr gebaut hat und und ob Sie mit einem guten Gefühl ihre uhr tragen können. So eine uhr ist ja auch ein relativ, ja emotionales Produkt. Man trägt das auf der Haut am Arm, man guckt jeden Tag exakt darauf und die uhr begleitet einen im Idealfall auch ein Leben lang. Und deshalb ist so eine uhr vielleicht auch etwas anderes.
00:21:52: Weiß ich nicht als ein Tetra Pak oder dergleichen. Das heißt, das sind besondere Produkte, mit denen sich Menschen identifizieren möchten. Und da gab es dann schon immer wieder auch die Frage Wie ist das denn da bei euch in Sachsen und wie haltet ihr es damit? Es ist aber nicht so, dass das das der Alltag wäre. Das kam so in Wellen, ab und an wieder. Im Moment ist es relativ ruhig. Du hast vorhin davon gesprochen, dass sich die Lage der Demokratie und die Lage, in der noch man sich befand, auch in Glashütte verändert hat in den letzten zehn 15 Jahren.
00:22:31: Vielleicht kannst du mal noch mal beschreiben, was da passiert ist bei euch auch intern? Was habt ihr gemacht, als beispielsweise Pegida Proteste groß wurden, als Chemnitz passiert ist? Wie hat sich das konkret bei euch ausgewirkt? Ja, es hat für mich so eine große Veränderung stattgefunden mit dem Wir schaffen das von Angela Merkel als damals die vielen Menschen aus Syrien zu uns kamen und.
00:23:03: Daraufhin sich eben Protest regte in Ostdeutschland oder in Sachsen vielleicht mehr als in Berlin. Und Pegida formierte sich und veranstaltete auch Montagsdemonstrationen bei uns in Glashütte.
00:23:22: Und es gab diese gab so eine einer Initiative. Die nannte sich Nein zum Heim, weil eben auch ein Heim für geflüchtete Menschen bei uns in Glashütte geplant war. Und da hatten wir den Eindruck, wir sollten etwas entgegensetzen und haben damals ein großes Transparent an unsere Glasfassade gehängt
00:23:47: und haben gesagt Ja zu Menschen, die jetzt unsere Hilfe brauchen.
00:23:53: Und Nein zu rechtsradikalem Gedankengut. Und wir haben eben versucht, da ja zu zeigen, dass nicht alle damit einverstanden sind. Als Unternehmen, glaube ich, haben wir da auch vielleicht eine besondere Aufgabe und auch Verantwortung. Wir haben ein bisschen ein breiteres Kreuz als manche, die da einzeln vielleicht dann demonstriert haben gegen diese Aufmärsche. Und deswegen fanden wir es auch richtig und wichtig, uns da öffentlich zu positionieren.
00:24:28: Und dieses Transparent an unserer Glasfassade, das hat dann in der Folge auch so eine Welle an
00:24:36: Medienaufmerksamkeit ausgelöst. Es gab sehr viele Interviews und Berichte und.
00:24:45: Dies im Inland, aber dann auch international. Und das war dann so eine Welle, die die dazu führte, dass wir quasi als Unternehmen wahrgenommen wurden. Was ich da, ich sage mal, anders positioniert als die meisten Unternehmen, die das vielleicht sich auch einfach nicht leisten können, weil sie eine andere Kundschaft haben, weil sie, ich sage mal, von Brot und Butter im lokalen Bereich leben und da Sorge hatten, quasi um die Arbeitsplätze beispielsweise.
00:25:17: Also hier waren wir immer auch ein bisschen privilegiert und haben dieses Privileg, dass unsere Kundinnen und Kunden nicht unbedingt vor Ort leben, sondern eben in aller Welt, dass wir das eben auch nutzen müssen, um diese größere Freiheit dann auch da zu demonstrieren. Und wie wurde das vor Ort aufgenommen? Also einerseits würde mich interessieren, wie es von den anderen Unternehmen aufgenommen wurde, weil es ist ja nicht das einzige uhrenunternehmen in Glashütte.
00:25:50: Das würde mich einerseits interessieren und andererseits aber natürlich auch von der von denen. Wie nennt man sie? Glashütte dann? Das wird dann. Glashütte. Und Karstadt. Dann. Genau. Also.
00:26:05: Ja, es gab gar nicht so viel
00:26:09: Menschen, die sich dazu geäußert haben. Wir hatten zum Glück viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gesagt haben auch prima, dass ihr das macht, Das fänden wir gut. Andere aber, und das waren die meisten, die haben gar nichts dazu gesagt. Die anderen Unternehmen vor Ort haben sich, muss man sagen, eher rausgehalten. Was ich allerdings auch insofern verstehen kann, als dass zwei Konzerne, die vor Ort vertreten sind und die die größten uhrenhersteller auch dort unter ihrem Dach haben, in Schweizer Hand sind.
00:26:47: Und die Schweiz übt sich da in Neutralität, insbesondere wenn sie im Ausland sitzt. Insofern war das auch verständlich. Und ansonsten, glaube ich, gab es zumindest damals noch so ein großes Abwarten.
00:27:04: Ja, wir haben trotzdem ein bisschen weitergemacht. Einerseits mit der Medienarbeit, andererseits auch dann 2018 nach Chemnitz werden offenen Brief geschrieben,
00:27:17: der damals dann auch. ja vor allem mediale Wirkung gezeigt hat, aber eben auch immer ein bisschen nach innen gewirkt hat. Also. Ähm, ja, das war so, das wäre so der Anfang. Aber nach Chemnitz, Dann hatten wir das Gefühl, wir müssen auch unseren Mitarbeitenden ja den Rücken stärken und da helfen in dieser Situation, denn die leben nicht in Berlin, Kreuzberg und oder oder in Hamburg, sondern sie leben dort in Glashütte und müssen dann im Volleyball oder irgendwie sonntags am Kaffeetisch mit dem Onkel irgendwie auch
00:27:53: vertreten, was da bei Nomos passiert oder zumindest eben auch wissen, wie sie da mit diesem Spagat klarkommen, müssen. Wir erwarten und haben nie von unseren Mitarbeitenden erwartet, dass sie eins zu eins unsere Meinung teilen. Aber wir haben eben schon klar gemacht, was unsere Werte sind und was wir uns eben auch für Nomos wünschen. Und dass wir eben, ich sage mal in unserem Betrieb ein Klima der Weltoffenheit und der Toleranz wollen und eben auch entsprechendes Verhalten erwarten.
00:28:27: Ja, du hast gerade gesagt, ihr habt euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Rücken gestärkt. Wie habt ihr das gemacht? Na gut, also wir haben das versucht. Ich hoffe, wir haben es auch ein bisschen geschafft. Aber natürlich. Ja, das kann ich dir auch nicht genau sagen, was davon angekommen ist. Ich hoffe, es hat Wirkung gezeigt. Aber wir haben dann damals angefangen mit der Courage Werkstatt von Open Saxony in Dresden und mit der Universität Dresden erstmal, ich sag mal Kurse der politischen Bildung für Kinder und Jugendliche, um zu rubbeln, so ein bisschen auf die Erwachsenenbildung und dann eben da so in Eigenregie bei uns mit den Mitarbeitenden beispielsweise Rollenspiele durchzuführen oder Argumentationstrainings und eben auch damals schon.
00:29:18: Ich sag mal Räume zu bieten, in denen Mitarbeitende auch so ihre Sorgen artikulieren können und in denen sie in Austausch treten können. Dann kam Corona, da fiel das dann ein bisschen flach und dann kamt ihr von BC, 4D und
00:29:35: habt uns quasi huckepack genommen dann
00:29:40: und uns quasi angeboten, das, was wir da bislang schon gemacht haben, eine Nummer größer, professioneller auszurollen und eben auch dann mit anderen Unternehmen. Und das war etwas, was für uns damals sehr, sehr hilfreich war. Denn dass da andere Unternehmen mit dann mitgemacht haben, ich glaube, ab 2021 war das dann. Das hat eben dafür gesorgt, dass wir nicht mehr so, ich sage mal in der linken Mini Schublade in Ostdeutschland saßen, sondern dass wir so ein bisschen.
00:30:15: Ja ein breiteres Kreuz bekommen haben. Und dadurch, dass eben auch Unternehmen wie die Deutsche Bank oder die Lufthansa teilnahmen oder VW, Das wir so ein bisschen rauskamen aus dieser
00:30:27: Ecke, die vielleicht in mancher Augen irgendwie politisch nicht nicht genug in der Mitte war oder so Ja so. Also da waren wir.
00:30:42: Da haben wir einfach, ich sage mal, durch euch dann ein breiteres Kreuz bekommen und eben auch mehr Professionalität.
00:30:51: Ja, super, danke für die Blumen, Aber die Blumen gelten natürlich auch euch, denn ihr wart natürlich durch euer Engagement und durch diese Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Courage usw auch Inspiration für das, was wir ein bisschen für die machen. Vielleicht noch mal zurück in diese Zeit. Wie sind diese ersten Kurse, die ihr Die angeboten habt, angekommen. Also was haben eure Mitarbeitenden dazu gesagt? Also die. Eigentlich war es immer so, die, die mitgemacht haben, die waren begeistert und haben sich gefreut und fanden das richtig gut und haben uns auch gespiegelt, dass sie im Alltag davon profitieren.
00:31:32: Wir haben natürlich als Geschäftsführende und auch die Mitarbeitenden nie selbst teilgenommen, da wir da sichere Räume schaffen wollten, in denen die Mitarbeitenden quasi ungestört unter sich sein konnten. Aber das ist das, was uns immer gespiegelt wurde und das Echo war durch die Bank positiv, was andererseits eben auch war. Von Anfang an war das, ich sag mal, immer dieselben waren, die da gerne mitmachen wollten und die auch mitgemacht haben. Viele haben dann auch das dritte, 4.
00:32:04: 05. Mal mitgemacht und andere, die wollten eben nicht, Ob jetzt aus persönlichen Gründen und weil sich irgendwie zu viel um die Ohren haben oder hatten. Oder eben auch, weil sie nicht richtig finden, was wir da tun. Das ist manchmal gar nicht so richtig, so so gut zu unterscheiden. Und natürlich muss man dabei auch sehen, dass ich sage mal, solche Demokratiekurse sag ich mal oder so eine solche Workshops in Ostdeutschland einen Beigeschmack haben, den sie vielleicht in Westdeutschland nicht haben.
00:32:41: Denn es gab in der DDR immer diese politische Bildung am Arbeitsplatz, diese Agitpropveranstaltungen und das ist etwas, was den Menschen noch immer in den Knochen sitzt, sei es, dass sie es selbst erlebt haben, sei es, dass die Eltern und Großeltern davon berichten. Aber das hat
00:33:03: eine böse Geschichte und das ist etwas, was wir auch immer so ein bisschen mitdenken mussten. Das heißt, für uns kamen immer nur Kurse oder Workshops in Frage, die komplett auf Freiwilligkeit beruhen und die außerhalb der Arbeitszeit, die innerhalb der Arbeitszeit stattfinden und die nicht, ich sage mal, zu viel fordern und nicht zu viel Druck machen. Das war für uns an unserem Standort immer ganz, ganz wichtig.
00:33:36: Ja, das sind ja auch Prinzipien, die wir beim BCVD so unterschreiben würden. Also die Freiwilligkeit und die Kurse während der Arbeitszeit ist ja bei unserem Angebot auch zentral. Auf jeden Fall.
00:33:52: Du sagst, es gibt Leute, die haben nicht mitgemacht, aber gab es lauteren Widerstand? Also gab es da irgendwie
00:34:02: richtig Unmut, dass ihr es angeboten habt? Also ja, das war eher so, also intern war das eher so ein schweigendes Dulden oder mal einer hochgezogene Augenbraue oder ich habe keine Lust oder ich habe keine Zeit. Das haben wir auch immer akzeptiert und das bedeutet ja auch nicht, dass er oder sie dann irgendwie Nazi ist oder sonstwas, sondern das heißt halt, dass jemand einfach keine Lust hat. Und das wollen wir auch weiterhin immer akzeptieren. Das finde ich auch wichtig.
00:34:34: Den Protest, den gab es vielleicht eher außerhalb des Unternehmens. Und mein Kollege Uwe Arendt, der unser CEO, der vor Ort auch in Glashütte lebt, der muss da so ein bisschen mehr aushalten. Er ist auch Stadtratsmitglied und wohnt wie gesagt, in Glashütte. Und da gab es das schon, dass Menschen die Straßenseite wechseln, wenn er durch den Ort läuft oder dergleichen. Aber im Unternehmen, muss ich sagen, haben wir auch das Glück,
00:35:07: Dass wir da ich sag mal, eine andere Quote haben als auf der Straße. Meines Erachtens ist das so ein bisschen auch, ja vielleicht der Gewinn jetzt von zehn Jahren politischer Artikulation in Glashütte. Dass Menschen, die vielleicht
00:35:27: ihr Weltbild eher mit der AfD teilen, dass die Ehe nicht so ein humanes kommen. Sie haben ja genügend Auswahl. Es gibt, wie du schon richtig sagtest, mehrere uhren Unternehmen dort vor Ort und jeder kann sich aussuchen, wo er oder sie arbeiten möchte. Und insofern glaube ich, es ist so ein bisschen jetzt der Lohn bei Nomos, dass wir eine Mitarbeiterschaft haben, die ja sehr modern und weltoffen ist und das auch gut findet, was wir tun.
00:35:58: Das heißt trotzdem nicht, dass das 100 % sind. Auch wir haben sicherlich AfD Wählerinnen und Wähler in der Mitarbeiterschaft. Aber die Quote ist eben eine andere als draußen auf der Straße. Ich würde gern noch mal darauf zurückkommen, was du vorhin sagtest, dass Demokratiebildung im Arbeitskontext gerade in einem ostdeutschen Kontext ja nicht ganz ohne ist und dass man da sehr aufpassen muss. Wieso glaubst du, ist es trotzdem wichtig, dass man solche Angebote am Arbeitsplatz macht? Ja, ich meine, die Situation wird ja immer schlimmer, wird immer beängstigender.
00:36:35: Wir haben mittlerweile in Glashütte bzw im Wahlkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge.
00:36:43: Fast 50 % AfD Wählerinnen und Wähler. Das war das Ergebnis der letzten Bundestagswahl. Und weiter zu machen ist glaube ich unsere einzige Chance. Wir müssen an allen Punkten, die sich uns bieten, versuchen uns dagegen zu stemmen, damit wir auch jene stützen, die da ansonsten allein sind. Für mich heißt das aber auch, dass wir vielleicht Menschen, die ansonsten in der Zivilgesellschaft vor Ort versuchen, etwas anders und besser zu machen, dass wir uns mit denen vielleicht zusammentun, dass wir die stützen, ja, dass wir.
00:37:23: Ich sage das vorhin schon, dass wir auch versuchen, Sachprobleme zu lösen, nicht nur im Unternehmen, sondern eben auch im Ort. Sei es der öffentliche Nahverkehr, sei es, dass
00:37:35: Probleme mit der Kinderbetreuung oder Seit einiger Zeit hat, hat Glashütte kein Supermarkt mehr. Und mein Kollege in der Geschäftsführung? Der kümmert sich so ein bisschen mit darum, dass da ein neuer Supermarkt hinkommt, damit die Menschen irgendwie vor Ort auch was einkaufen können. Denn all solche Dinge, die im Alltag nicht mehr funktionieren und solche Infrastrukturprobleme, die sorgen natürlich mit für den großen Frust. Und wenn wir da auch ein bisschen Sachprobleme lösen können, glaube ich, dann ist das auch eine wertvolle, auch ein wertvoller Teil der Demokratiearbeit.
00:38:12: Ich glaube, dass wir auch in den Unternehmen schauen müssen, wie wir demokratischer zusammenarbeiten können, wie
00:38:24: wir für mehr Mitbestimmung sorgen können. Natürlich ist ein Unternehmen immer erst mal auch ein Wirtschaftsunternehmen, in dem schon auch Entscheidungen getroffen werden können. Müssen, die auch nicht irgendwie in Basisdemokratie stattfinden können? Aber es gibt doch viele Bereiche, in denen Mitarbeitende mitbestimmen können, in denen sie Verantwortung tragen können. Und ich glaube, dass Menschen, die als Mitarbeitende Selbstwirksamkeit erfahren, dass die auch weniger dazu neigen, dann ihr Kreuzchen bei
00:39:00: Kritischen Parteien zu machen. Ja, das ist ja auch durch Studien belegt. Wir hatten das in einem unserer letzten Podcasts. Also kleiner Hinweis kann man noch mal die Folge zu Mitbestimmung anschauen, dass es da auf jeden Fall einen positiven Effekt gibt. Das ist auf jeden Fall richtig und toll auch, dass ihr euer Engagement eben nicht nur intern seht, sondern auch lokal lebt. Du sagtest, dein Mitgeschäftsführer ist auch aktiv in der lokalen Politik und du hast aber auch beschrieben, dass gerade er auch viel Gegenwind bekommt.
00:39:36: Du sagtest eben, Leute wechseln teilweise die Straßenseite. Wie geht man damit um als Geschäftsführer, als Geschäftsführerin, wenn man da auch persönlich solchen Angriffen ausgesetzt wird? Ja, das ist schwierig. Also
00:39:54: ich glaube, es gibt so einen gewissen Gewöhnungseffekt.
00:39:59: Es ist jetzt all die Jahre schon so schlimm, es wird einfach stückchenweise nur noch mehr. Und die AfD ist so normal geworden, dass schon niemand mehr so richtig überrascht ist. Also auch jetzt von den Bundestagswahlen da. Ja, also es gab es war sehr geräuschlos, auch bei uns im Unternehmen, weil alle das so erwartet hatten. Und das ist etwas, was ich auch schwierig finde.
00:40:31: Also ich finde das nicht einfach, darauf zu antworten. Denn
00:40:37: natürlich sehe ich auch, dass man beispielsweise im Stadtrat in Glashütte es zu tun hat mit vielen AfD Vertreterinnen und Vertretern. Ich glaube, es sind sogar nur Männer. Also nur Vertretern.
00:40:53: Und dass trotzdem Politik gemacht werden muss. Also da im Lokalen klarzukommen, miteinander und weiterhin auch im Gespräch zu bleiben. Das ist eine riesengroße Herausforderung. Ich habe es ein bisschen leichter, weil ich nie in Glashütte gelebt habe, sondern immer in Berlin und viele jetzt auch in Süddeutschland lebe und eben einfach punktuell in Glashütte bin. Aber wir haben Kommunikation und Design des Unternehmens nie dort vor Ort gehabt. Dort werden einfach die uhren gebaut, dort ist unser Headquarter.
00:41:26: Aber alles, was mit Design und der Markenbildung zu tun hat, das eben in Berlin und das Leben dort ist eben ein ganz anderes. Das heißt da, ich war immer sehr befreit von diesem Alltag dort vor Ort, war dann nur erschrocken und auch überrascht, wenn ich dahin kam, jedes Mal aufs Neue. Aber bei meinen Kolleginnen und Kollegen vor Ort beobachte ich einen großen Gewöhnungseffekt und auch gewisser gewissermaßen so eine Politikmüdigkeit.
00:41:57: Also wir hatten jetzt gerade im letzten und vorletzten Jahr auch viele Politikerinnen und Politiker zu Besuch.
00:42:06: Und ich glaube bei meinen oder bei unseren Kollegen beobachten zu können, dass sie jetzt mal einfach wieder in Ruhe arbeiten wollen. Also denen reicht das ein bisschen mit der Politik. Und ja, kann ich einerseits verstehen, auf der anderen Seite ist es eine schwierige Entwicklung. Ja klar. Vor allen Dingen vor dem Hintergrund, dass natürlich die Zeiten insgesamt nicht einfacher werden, Kann ich auch verstehen. Ich wache auch manchmal morgens auf und frage mich angesichts der Nachrichtenlage, ob ich jetzt aufstehen möchte.
00:42:41: Aber klar ist das natürlich keine keine Lösung. Ich würde gern noch mal auf euer Engagement im Business Council zurückkommen. Der Business Council, den gibt es ja seit 2021. Da wart ihr auch eines der Pilotunternehmen bei Nomos. Du hast vorhin gesagt, wir hätten euch da Huckepack genommen. Neben euch waren auch noch VW zum Beispiel dabei und auch Evonik in dieser Pilotstaffel. Und du hast gerade auch gesagt, dass für euch das ganz wichtig war, Dass ihr neben solchen großen Unternehmen dann auch in so ein Netzwerk gekommen seid.
00:43:18: Kannst du noch mal ein bisschen erzählen, was das Netzwerk des Business Councils für euch bedeutet und wieso das hilfreich ist für euch? Ja, für uns war immer ganz wichtig der Austausch mit anderen Unternehmen, weil wir eben von denen ganz vieles gelernt haben. Und wir konnten sehen, wir sind vielleicht in Sachsen, in Glashütte besonders früh dran gewesen mit unseren Problemen, aber wir sind eben nicht allein. Und da jetzt professionelle, auch wissenschafts gestützte Unterstützung zu erhalten und Ja eben in Austausch treten zu können, Erfahrungen teilen zu können.
00:43:58: Das war für mich, war für uns immer ganz, ganz wichtig. Und natürlich diese tollen Workshops
00:44:07: von von von euren Mitarbeitenden, die waren, die waren für unsere Kolleginnen und Kollegen ganz toll. Die kamen da immer mit leuchtenden Augen wieder zurück an den Arbeitsplatz und haben auch, ich sag mal, noch mehr als in den Anfangsjahren, als wir das eben in anderer Konstellation versucht haben, eben uns gespiegelt, wie sehr ihnen diese Workshops helfen, auch im Alltag, auch wenn etwa ihre Kinder vielleicht Opfer mal werden. Von von Hate Speech auf Social Media oder dergleichen und wie sie vielleicht auch selbst mehr Selbstbewusstsein entwickeln konnten, mal im Umgang mit schwierigen Kundinnen und Kunden.
00:44:48: Oder ja, überhaupt. Oder auch einfach, ich sage mal zu erkennen. Was ist denn der Unterschied zwischen einer fundierten Nachricht, also zwischen ordentlichem Journalismus und einer Nachricht auf Telegram? Und ich glaube, diese Mischung aus Medienkompetenz, Selbstbewusstsein, Training.
00:45:12: Und Austausch, die war es immer, die uns allen da sehr, sehr geholfen hat. Ja, ich möchte jetzt noch mal den unangenehmen Blick auf die Bundestagswahl vor einigen Wochen lenken. In der Sächsischen Schweiz, aber auch in Glashütte selbst hat ja die AfD ungefähr 50 % der Stimmen erhalten. Und das ist ja noch mal eine sehr deutliche Steigerung im Vergleich zu der letzten Bundestagswahl in 2021.
00:45:43: Da lag die AfD bei ungefähr 33 %. In Anbetracht dieser Zahlen fragst du dich manchmal, was euer Haltungbeziehen eigentlich gebracht hat? Und sollte man es trotzdem weiter tun? Ja, doppelt Doppeltes Ja, ja klar. Also wir zweifeln natürlich auch an uns und überlegen uns was machen wir da falsch und wieso bringt das alles nichts? Oder so? Sorgt es gar für so viel Reaktanz, dass der Schuss nach hinten rausgeht?
00:46:21: Auf der anderen Seite glaube ich, dass Nichtstun die schlechteste Lösung ist und das natürlich auch, ich sage mal, ein noch relativ kleines Unternehmen wie Nomos Glashütte. Also wir haben gut 200 Mitarbeitende vor Ort, vielleicht auch nicht erwarten darf da was zu drehen, so auf die Schnelle. Also das wäre vielleicht auch ein bisschen größenwahnsinnig,
00:46:46: aber diese Frage. wie wir das machen. Ich glaube, die wird immer wichtiger. Also wie kriegen wir das hin, dass wir eben nicht für Reaktanz sorgen, sondern wirklich Menschen begeistern können für die Demokratie? Also was machen wir vielleicht im Unternehmen besser? Wie können wir uns besser organisieren? Wie können wir noch mehr Menschen einbinden? Wie können wir noch mehr Verantwortung teilen? Wie können wir für noch mehr Selbstwirksamkeit Erfahrungen sorgen? Die wird aus meiner Sicht wichtiger.
00:47:20: Ich finde, wir haben das schon relativ viel bei Nomos, einfach auch, weil wir so wahnsinnig viele Gewerke unter einem Dach vereinen und von A bis Z alles selbst machen. Das bedeutet, wir haben sehr. Wir haben jetzt gar nicht so riesengroße Abteilungen, sondern ganz viele ganz kleine, was auch dazu führt, dass eben sehr viele Menschen im Kleinen auch Verantwortung übernommen haben. Aber vielleicht müssen wir das eben noch mehr tun. Und ähm,
00:47:48: Ich sag mal gar nicht so viel über Politik an sich, über Parteienpolitik sprechen, sondern eher versuchen, indem wir was gemeinsam tun. Indem wir für Identifikation sorgen, indem wir Sachprobleme lösen, indem wir für Freude sorgen, indem wir für Zuversicht sorgen, dass wir da so das Demokratiebewusstsein oder die Freude auch an der Demokratie fördern können. So richtig habe ich da noch keine Antwort drauf.
00:48:19: Aber ich glaube, zumindest jetzt für unsere Unternehmen liegt da so ein bisschen die Lösung, weil alleine mit ich sag mal Medienkompetenz, Workshops oder mit mit
00:48:36: dem, was wir bislang gemacht haben, werden wir nur immer wieder die gleichen erreichen und eben nicht die, von denen wir uns vielleicht auch wünschen würden, dass sie mal mitmachen. Ja, vielleicht noch zum Schluss eine letzte Frage Du bist ja nun nicht mehr aktive Geschäftsführerin bei Nomos.
00:48:54: Was hast du als nächstes geplant für dein Demokratie Engagement? Ja, das ist auch ein bisschen ein Wunder Punkt.
00:49:04: Denn einfach abhauen ist
00:49:08: es feige? Und eigentlich bin ich eher der Meinung, dass wir gerade für Ostdeutschland und auch jene Orte Regionen in Westdeutschland, in denen die Demokratiemüdigkeit besonders groß ist, dass wir da Kampagnen brauchen, die Lauten hinziehen und dass wir
00:49:29: ja schauen müssen, dass wir diese Stimmung dort verdünnen und für mehr Zuversicht dort sorgen.
00:49:36: Aber es ist eben auch so, dass diese aus meiner Sicht dunkle Stimmung, Die. Gerade jetzt, da ich sage mal in Sachsen vorherrscht. Die drückt auch ganz schön auf die Seele. Und ich brauche jetzt nach 25 Jahren einfach auch mal eine Verschnaufpause. Ich muss mal das Fenster öffnen, ich muss mich mal um andere Dinge kümmern. Ich war früher Journalistin und war das sehr, sehr gern. Und ich schreibe wieder. Ich schreibe an etwas und ja, mache jetzt mal da eine kleine Pause von von der Demokratie Arbeit in in Sachsen.
00:50:18: Aber ja, vielleicht ist es nur eine Pause. Es muss kein Abschied für immer sein. Und außerdem machst du ja weiter mit uns Demokratiearbeit, weil uns bleibst du ja verbunden in unserem sich neu Formierenden wie Sie vor dem Ort. Und darauf freuen wir uns sehr. Darauf freue ich mich auch sehr. Danke, dass du das erwähnst. Und ja, das ist mir eine große Freude. Uns auch in diesem Sinne. Ich freue mich sehr, dass wir so eng weiterhin zusammenarbeiten und bedanke mich ganz herzlich bei Dir, liebe Judith.
00:50:49: Danke, Sofia. Einen schönen Tag!
00:50:55: Aus dem Gespräch mit Judith Borowski von Nomos und dem Input unserer Expertinnen Sarah Schiffer und Hanna Bergmann vom ist können wir einiges mitnehmen. Also schauen wir darauf in unserer letzten Rubrik dieser Folge Change Work.
00:51:18: Mitnehmen können wir zum Beispiel, dass.
00:51:24: Es laut Judith Borowski unheimlich wichtig ist, Mitarbeitenden zuzuhören und ihre Ängste und Probleme wahrzunehmen.
00:51:35: Eine Verunsicherung nehmen die als die Expertinnen auch wahr. Und das zeigt sich in Erhebungen. sich ausbreitende Hassrede, Verschwörungs, Erzählungen oder Miss und Desinformation im Netz führen dazu, dass sich Menschen aus dem Diskurs zurückziehen.
00:51:54: Das zu verhindern. Dabei können auch Unternehmerinnen und Unternehmer helfen, mit Bildung und Raum über Unsicherheiten und Unmut zu sprechen.
00:52:06: Und Nomos geht noch weiter. Die Geschäftsführung setzt sich vor Ort in Glashütte dafür ein, dass auch Sachprobleme gelöst werden. Zum Beispiel, dass ein fehlender Supermarkt wiedereröffnet wird. Und, sagt Judith Borowski. Nomos will mit guter Arbeit für Sicherheit und Zufriedenheit sorgen. Ihr ist es wichtig, dass eine Geschäftsführung vorlebt, was sie denkt und sagt, also auf Worte auch Taten folgen zu lassen. Gerade in Krisenzeiten.
00:52:38: Und aus der Erfahrung von Nomos ist Demokratie sogar quasi Verkaufsargument. Internationale Kundinnen und Kunden fragen die demokratische Haltung des Unternehmens ab, weil sie sich mit den uhren von Nomos bzw dem, was dahinter steht, identifizieren wollen.
00:52:59: Und die Antworten kann Nomos liefern. Seit 1990 ist Demokratie das Fundament, auf das sich die uhrenhersteller innen und Hersteller immer wieder besinnen.
00:53:21: Das war die vorletzte Folge von Democracy at Work. Die nächste und vorerst letzte Folge gibt es in zwei Wochen. Wenn euch der Podcast gefallen hat, bewertet ihn gerne und abonniert in. Dieser Podcast wurde übrigens im Rahmen des Projekts Big Four entwickelt. Das ist kurz für Business Council for Democracy. Der BCVD ist ein Netzwerk von Arbeitgebern, das sich für Demokratie am Arbeitsplatz einsetzt. Dabei können zum Beispiel Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Schulungen zur Ausbreitung von Hassrede, Desinformation und Verschwörungserzählungen erfahren und lernen, etwas dagegen zu tun.
00:53:57: Der BCVD ist ein Gemeinschaftsprojekt der gemeinnützigen Hertie Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und des Institute for Strategic Dialogue. Mehr dazu in den Shownotes. Produziert wird dieser Podcast vom Studio ZX, einem Unternehmen des Zeitverlags. Mein Name ist Jonas Ross und ich freue mich aufs nächste Mal.
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